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Sternenkinder

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Sternchen

Es ging alles so schnell…
Manchmal denke ich mir, vielleicht auch zu schnell. Aber darüber braucht man sich hinterher keine Gedanken mehr zu machen. Denn es ist, wie es ist und genauso soll es auch sein.
Die Entscheidung die Verhütung abzusetzen trafen mein Freund und ich so spontan, wie wir so oft wie möglich unser Leben leben. Natürlich hatte sich jeder seine Gedanken gemacht, aber wir wollten uns nicht zu viel den Kopf über Eventualitäten zerbrechen, denn wir sind der Meinung, dass manche Dinge einfach geschehen sollen. Einen perfekten Zeitpunkt für ein Kind gibt es nicht, also weshalb darauf warten. Gesagt, getan. Einmal nach Absetzen der Verhütung kam meine Menstruation noch und dann nicht mehr. So schnell wurde unser Versuch zur Realität. Ein wenig komisch war es für uns schon, denn schließlich begann man nun sich Gedanken zu machen, was sich alles verändern würde, wie man die erste Zeit mit dem Kind verbringen würde, welche Möglichkeiten sich ergeben oder welche Einschränkungen uns begrenzen würden.
Der berechnete Entbindungstermin war perfekt, genau mit Ende meines Studiums würde unser Baby bei uns sein. Wir konnten es kaum glauben, das war so unproblematisch und so perfekt, fast zu perfekt.
Wie merkt man, dass man Schwanger ist? Ich habe es schon vor dem Ausbleiben der Periode geahnt, doch wollte ich nichts sagen, man kann sich ja viel einbilden, wenn man nur fest genug an etwas glaubt. Eine Woche nach Ausbleiben der Menstruation dann der positive Schwangerschaftstest und da ich noch einen zweiten hatte, machte ich eine weitere Woche später noch einen. Und dann ging es los: wie oft wurde ich gefragt, wann meine letzte Periode war? Ob ich einen Test gemacht hatte und wie das Ergebnis war. Irgendwann fragt man sich fast, ob man sich etwas einbildet, ob es wirklich Realität ist. Immerhin haben meine Brüste unangenehm gespannt und vergrößerten sich deutlich, dass war das einzige Zeichen, welches mir mein Körper gab, denn meine Periode vermisse ich reichlich selten.
Von der Schwangerschaft erzählten wir nur wenigen engen Freunden, denn schließlich ist man sich des Risikos für Fehlgeburten, besonders in den ersten 12 Wochen bewusst.
Der Gang ins Geburtshaus noch vor dem ersten Arzttermin war eine bewusste Entscheidung. Ich bin Krankenhäusern und Ärzten gegenüber grundsätzlich skeptisch und eine Schwangerschaft ist keine Krankheit, also weshalb brauche ich dann einen Arzt. Silke führte ein sehr freundliches erstes Gespräch mit uns, stellte den Mutterpass aus und was mir besonders positiv auffiel, sie hatte Zeit. Wir bekamen Informationsmaterial mit, die Anregung uns mit manchen eventuell bevorstehenden Entscheidungen auseinanderzusetzen. Ein weiterer Termin wurde vereinbart und davor sollte der erste Ultraschalltermin beim Arzt stattfinden.
Ich fühlte mich weitere vier Wochen schwanger und dann war er da, der Ultraschalltermin, ein Donnerstag. Erst das Abtasten der Gebärmutter, die deutlich gewachsen war und dann das erste Bild von unserem Baby. Deutlich erkennbare Fruchthöhle, beim Abmessen der Länge 11,2mm. Die Ärztin meinte dann, sie könne das Baby auf dem Bild schlecht darstellen, sie würde nochmal von vorne beginnen, es flackere so. Also nochmal neues Gel, Baby suchen und, da müsse man jetzt den Herzschlag deutlich sehen.
Nichts
Die Ärztin schaute und schaute, dann meinte sie, sie würde mal die Durchblutung messen.
Nichts
Und nochmal die Durchblutung messen.
Nichts
Ich durfte mich anziehen.
Raumwechsel. Besprechung wie es weiter geht. Ich solle mich darauf einstellen, dass am Wochenende die Blutung kommt. Wenn es stärker sei als bei der normalen Periode, dann unbedingt sofort in die Klinik. Kontrolltermin am Montag, Befund überprüfen und dann würde die Überweisung für die Klinik geschrieben. Man müsse das Baby ausschaben, mit 11,2mm sei es zu groß für andere Lösungen.
Wir fuhren nach Hause. Alles hatte sich innerhalb weniger Minuten, die unendlich erschienen, geändert. In Luft aufgelöst, die Vorstellung wie das Leben in einigen Monaten seien würde. Weg. Und immer wieder kommen die Tränen, wenn man daran denkt, dass das kleine Leben in einem, kaum hat man es richtig gespürt, auch schon vorbei ist und doch hatte es schon einen Platz in unseren Gedanken, im Herz gefunden. Hinzu kommt ein möglicher Klinikaufenthalt mit operativem Eingriff. Bitte, bitte, Blutung komm am Wochenende und bitte, bitte wasch alles weg, raus.
Uns war relativ schnell klar, wir möchten mit einer Hebamme sprechen, welche Möglichkeiten es statt der Ausschabung gibt. Außerdem viel uns erst nach dem Arztbesuch auf, die Ärztin hatte es nie gesagt. Das Baby lebt nicht. Das Baby ist tot.
Wir machten uns schnell bewusst, es sind drei Dinge, die negativ im Befund waren: zu klein, kein Herzschlag, keine Durchblutung. Da ist nichts mehr, da wird am Montag auch nichts sein.
Das Geburtshausteam war großartig, direkt am Freitag, einen Tag nach dem gynäkologischen Befund bekamen wir einen Termin bei Chris. Sie nahm sich Zeit, bestätigte uns den Befund mit deutlichen Worten und gab uns an erster Stelle Zeit. Eine Ausschabung muss nicht sein und es gibt Mittel und Wege auf eine Blutung hin zu arbeiten. Außerdem muss nicht alles schnell passieren, denn es ist nicht schlimm, ein totes Baby im Bauch zu haben. Es ist medizinisch nicht schlimm, die Mutter kann nicht vergiftet werden und ich musste feststellen, auch das Gefühl war überhaupt nicht schlimm. Das Wissen, dass es andere Möglichkeiten gibt, als das Baby mit Instrumenten aus mir zu entfernen, es hinaus zu schaben, beruhigend. Dazu die Zeit, sich von dem kleinen Wesen, welches in einem wachsen sollte, zu verabschieden. Chris hat beschrieben, wie eine Fehlgeburt verlaufen könnte und sagte uns, ich solle versuchen, das was aus mir heraus kommt, in einer Schüssel aufzufangen. Dann könne sie es sich anschauen und außerdem würden wir so die Möglichkeit bekommen, uns nochmal zu verabschieden und das kleine zu beerdigen. Wir bekamen wehenfördernde homöopathische Kügelchen und gingen heim. Den Gynäkologentermin verschob ich auf Donnerstag.
Ich begann stumme Gespräche mit meinem Sternchen zu führen, es dürfe jetzt gehen, das sei in Ordnung. Wir waren uns auch sicher, es hat alles richtig gemacht, denn etwas muss nicht in Ordnung gewesen sein. Das hatte uns auch Chris bestätigt, die Natur hat entschieden. Wir sind uns sicher, es war eine richtige Entscheidung.
Nun hieß es warten, sich Verabschieden und den Gedanken, das Wissen annehmen, dass kein Baby kommen würde. Unser Sternchen ließ sich Zeit… Sonntag: Telefonat mit Chris, den aktuellen Stand der Dinge mitteilen. Es gab Tee mit Zimt und Nelken. Ein weiterer Tag und nichts geschah. Senfmehlfußbäder, sehr angenehm, aber unser Sternchen wollte nicht raus. Während des Wartens hatte ich ihm eine Schachtel gebastelt, in der wir es dann begraben wollen und später noch einen Brief an unser Sternchen geschrieben. Mir war das wichtig.
Dienstag wollten wir dann die letzte Möglichkeit nutzen, unser Sternchen zu überzeugen, auch loszulassen. Chris kam gegen 12 Uhr bei uns zuhause vorbei und wir haben weitere unterstützende Maßnahmen besprochen. Nachmittags bekam ich dann Unterleibschmerzen ähnlich wie vor der Periode, nur etwas stärker, aber ohne Schmerzmittel aushaltbar. Die Blutung blieb aus. Abends, gegen 18.30 Uhr kam Chris nochmal bei uns vorbei. Die Krämpfe hatten zu diesem Zeitpunkt dann wieder aufgehört. Wir dachten schon, da wird nichts passieren, aber dann ging es los. 22 Uhr, jetzt eine starke Blutung, dazu ein erster Schleimpfropf, den wir für unser Sternchen hielten, denn wir wussten ja nicht wie es aussehen würde. Wir fingen es in der Schüssel auf. Mein erstes Gefühl: Erleichterung. Ich war in dem Moment tatsächlich glücklich, dass die Fehlgeburt startete, vielleicht müsste ich doch nicht in die Klinik. Erleichterung, dass es ein Prozess der Lösung sein würde. Schmerzen hatte ich weiterhin nicht, wir gingen mitten in der Nacht spazieren, froh, dass es weiterging. Ich blutete deutlich stärker als bei der normalen Menstruation. Gegen 24 Uhr ging ich nochmal mit meiner Schüssel auf die Toilette, da ging es wieder ganz schnell. Fast unbemerkt fiel unser Sternchen, noch sicher verpackt in der Fruchtblase, in die Schüssel. Ich erkannte ohne Zweifel, dass es das war und selbst für mich war zu sehen, das wirkt vollständig. Das ist jetzt keine 48 Stunden her. Danach gingen wir schlafen.
Am nächsten Morgen schaute Chris nach mir und untersuchte außerdem die tatsächlich vollständige, unbeschädigte Fruchtblase. Das Sternchen konnten wir nur erahnen. Mir ging es weiterhin körperlich gut, keine Schmerzen und die Blutungsstärke hatte auch schon deutlich nachgelassen, der Kreislauf stabil. Trotzdem machte ich an dem Tag auf Anraten von Chris nicht viel und das war sehr gut.
Heute, eine Woche nach meinem erschreckenden Ultraschallbefund, der die Welt für uns ein Stück veränderte, war die Nachuntersuchung beim Arzt. Es ist tatsächlich alles draußen, ich bin erleichtert. Ich brauche keine Klinik, keine Ausschabung. Chris betreut mich weiter, begleitet mich, bis dieses Erlebnis soweit abgeschlossen ist. Mein Partner ist bei mir und unterstützt mich wo er kann. Ich habe liebe Menschen um mich, mit denen ich über die letzten Tage sprechen kann.
Die Entscheidung mich von Hebammen betreuen zu lassen, war die Beste, die ich treffen konnte. Ich wusste vorher nicht, dass sie einen auch bei Fehlgeburten begleiten. Ich bin mir sicher, viele Frauen haben dieses Wissen nicht, was ich sehr traurig finde. Denn ich bin mir sicher, mir hat es den Abschied von meinem Sternchen deutlich erleichtert. Außerdem ist eine Fehlgeburt leider nichts unnatürliches, und genau als das, versuche ich es anzunehmen: ein sehr trauriges, aber natürliches Erlebnis, welches einfach geschieht und an dem man nichts ändern kann und manchmal auch nichts ändern darf.
Natürlich hatte ich mir beim ersten Kontakt mit dem Geburtshaus die Betreuung einer Geburt eines gesunden, lebenden Säuglings gewünscht, nun ist es anders gekommen. Aber wer weiß, vielleicht geht mein Wunsch irgendwann in Erfüllung und dann weiß ich, dass ich genau in den richtigen Händen bin.
Danke, Chris.

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Neugeborene

Marilou
15.10.2021 um 13:17 Uhr
Marlon Niilo
13.10.2021 um 17:06 Uhr
Musa Radman
13.10.2021 um 08:58 Uhr


Aktuelles

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Unsere Sprechzeiten haben sich geändert: Wir sind nun montags bis freitags von 09:00 bis 11:00 Uhr für euch da.
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Liebe Eltern,
für das Jahr 2021 sind wir bereits voll ausgebucht, für 2022 gibt es noch freie Plätze im Februar und ab ET im Juni, alle anderen können wir leider nur noch auf unsere Warteliste schreiben!
Dies gilt jedoch NUR für unsere Geburtshilfe, im Wochenbett-Team gibt es noch freie Kapazitäten.
Vielen Dank und herzliche Grüße
Das Geburtshaus-Team
Akupunktur
Die Akupunktursprechstunde findet wieder im Geburtshaus Tübingen statt.
Herbstfest 2019 oder
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Babygalerie

Ceris Cayser Akita
geboren am 28.09.2021
um 18:27 Uhr
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Geburtsberichte

Charlie
geboren am 13.09.2021
um 18:36 Uhr
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