Meine ersten Wehen setzten am Sonntag, den 21.12., gegen halb neun abends ein. Ich kann mich noch an die erste Wehe erinnern und wie aufmerksam ich plötzlich war. Es fühlte sich an wie ein menstruationsartiger Schmerzpuls, aber sehr viel intensiver. Zu dem Zeitpunkt lag ich mit meinem Mann auf der Couch und wir schauten eine Doku. Ich wusste noch nicht, dass es wirklich eine Wehe war, da ich noch nie eine gespürt hatte. Aber es war anders als das Ziehen in den Leisten, das bis dahin seit Wochen öfters aufgetreten war. Daher sagte ich zunächst nichts und nahm den Schmerz auch nicht ernst. Schließlich wartete ich seit Tagen schon recht verzweifelt darauf, dass die Geburt endlich losgehen möge und wollte meine Erwartungen lieber gedämpft halten. Nachdem der Schmerz abgeklungen war, hatte ich den Drang aufs Klo zu gehen, was ich tat. Dort ereilte mich derselbe Schmerzpuls wieder. Ich ging mit vor Freude und Aufregung klopfendem Herzen, und von der Intensität des Schmerzes leicht nervös zugleich, zurück ins Wohnzimmer und strahlte meinen Mann an: „…also das könnten jetzt richtige Wehen sein!“. Er reagierte verhalten, weil er wohl befürchtete ich könnte abermals enttäuscht sein, weil es doch noch nicht losgeht. Ich legte mich wieder hin. Aber kaum dass ich mich hingelegt hatte, ging wieder eine Welle durch meinen Unterleib, und kurze Zeit später hatte ich wieder den Drang, aufs Klo zu gehen. Nun war ich mir sicher, dass es sich um Wehen handelte, denn es tat ordentlich weh und es kam immer wieder! Wir begannen, Pausen und Länge der Wehen zu notieren. Gefühlt hatte ich jede Minute eine Wehe! Aber mein Mann sagte, es lägen etwa sechs Minuten dazwischen. Ich erinnere mich daran, dass ich irritiert war, dass sie so kurz aufeinander kamen. Durch die Vorbereitung auf die Geburt hatte ich erwartet, dass die Wehen zunächst alle zehn bis zwanzig Minuten kommen, und eventuell auch zwischendurch mal wieder ganz abklingen würden…aber im Nachhinein betrachtet behaupte ich, es ging praktisch schlagartig los, von null auf 90! Kaum zu glauben, dass ich am selben Sonntagmorgen noch Zweifel hatte, dass ich überhaupt wehen kann (ich war fünf Tage über dem ET und schon ziemlich ungeduldig…). Wir riefen Pia an und gaben ihr Bescheid. Sie meinte, wir sollen sie wieder anrufen, wenn wir sie brauchen. In der nächsten viertel Stunde zogen die Wehen an Intensität an (eine 95 auf meiner nachgeburtlich etablierten, persönlichen Erstgeburtsskala), und ich bekam es etwas mit der Angst zu tun. Ich wollte Pia bei mir haben, und so riefen wir sie erneut an und baten sie zu kommen. Etwa eine viertel Stunde später war sie dann da — und ich war mitten im stürmischen Ozean meiner Eröffnungswehen angekommen. Ich dachte bewusst nicht darüber nach, was mit mir geschah, sondern arbeitete mich von Welle zu Welle, so wie ich es im Hypnobirthingkurs bei Bettina gelernt hatte – …nichts tun außer die Wellen kommen und gehen lassen, und atmen… – und wann immer eine Woge durch mich hindurch glitt, sagte ich zu mir „…es klingt gleich ab“, oder „…der Schmerz bleibt unten“ (was auch immer ich damit gemeint habe, es half mir und gab mir das Gefühl, Herrin der Schmerzen zu sein J). Gleichsam atmete ich tief ein und aus. Ich wechselte aktiv öfter die Position, da ich wusste, dass es den Vorgang beschleunigt. Allerdings hat das Wehen im Stehen sehr viel Kraft gekostet — ich sah meine Oberschenkel zittern wie wild. Aber ich blieb dran, ich war voll fokussiert auf das, was geschah, sprach ab und zu mit dem Kindchen, sagte ihr, wir schaffen das, sagte mir, ich schaffe das…und ließ einfach alles geschehen. Das hat mich super durch die Eröffnungsphase gebracht, die sagenhafte viereinhalb Stunden dauerte. Nachts gegen eins war mein Muttermund vollständig offen, und die ersten Presswehen setzten ein. Wieder war ich ziemlich verwirrt und fragte mich: „warum geht das denn so schnell? Das kann doch nicht sein!“
Dann spürte ich plötzlich einen inneren Widerstand, weiterzumachen. Auch dieser verwirrte mich. Ich verstand nicht, woher dieser Widerstand kam, und versuchte anfangs, ihn zu bekämpfen. Der Schmerz unter den Presswehen klang nicht mehr vollständig ab und bald hatte ich im ganzen Körper Schmerzen. Zu dem Zeitpunkt war ich leider auch sehr müde geworden. Ich hatte das Bedürfnis mich hinzulegen und zu schlafen. Ich dachte, ich brauche eine Pause, nur ganz kurz! Ich bin sogar gegen Ende der Eröffnungsphase ein paar Mal weggenickt. Ich war so müde und bettelte Pia an…aber die blieb unerbittlich: „Ich kann da jetzt nichts machen, der Prozess ist in Gang gekommen, so wie du es wolltest!“
Also ging es weiter (der Göttin sei‘s gedankt, natürlich J). Die Presswehen, die nun voll eingesetzt hatten, ließen sich nicht mehr veratmen. Deshalb wollte ich mich immer weniger bewegen, denn jede Bewegung tat einfach sehr weh, im ganzen Körper. Ich versuchte trotzdem, nun aber auf Geheiß von Pia, verschiedene Positionen. Letztlich lag ich dann auf der Matratze, mit den Beinen auf Pia abgestützt. Mein Mann blieb immer an meiner Seite, sprach mir gut zu und sagte mir wie gut ich das machen würde und wie stolz er wäre.
Vermutlich aufgrund der körperlichen Erschöpfung (ich erinnere mich aber daran, dass in dem inneren Widerstand auch Angst lag, wovor, weiß ich bis heute nicht — das war in der Eröffnungsphase ganz anders) setzte dann leider eine Wehenschwäche ein, d.h., die Wehen kamen seltener. Die Austreibungsphase verzögerte sich dadurch leider deutlich! Statt der üblichen ein bis zwei Stunden dauerte diese Phase bei mir nochmal vier Stunden, und wo ich die Eröffnungsphase noch mehr oder weniger allein managen konnte, musste nun Pia die Pressphase übernehmen. Sie zwang mich öfter, mich zubewegen, damit ich wieder wacher wurde. Ganz am Ende, als das Köpfchen auf die Welt kommen sollte – nun war auch Chris als zweite Hebamme da –, war ich nur noch mit dem Schmerz beschäftigt. Im Nachhinein wünschte ich, ich hätte es geschafft mich weiter voll auf die Geburt zu fokussieren, das ist mir in dem Moment leider nicht mehr gelungen. Dafür haben Pia und Chris die Situation gemeistert, und um 5.15 Uhr war mein kleines großes Goldschätzchen da und lag, mitten in unserem Wohnzimmer, schreiend auf meiner Brust. Ein heiliger Moment, ich glaube, ich habe ein paar Minuten lang gar nicht mehr geatmet vor Fassungslosigkeit.
Seitdem, und jedes Mal, wenn ich sie ansehe, spüre ich ein Glück, das einen Charakter hat, wie ich ihn bislang nicht kannte. Es ist ein tiefes, ruhiges Glück, als wäre ich bei mir angekommen.
Schon während der Schwangerschaft, und auch in der Geburt, und jetzt wieder im Wochenbett, war und ist die Betreuung durch das Geburtshaus absolut wesentlich für meine Entwicklung und meinen Umgang mit allen Themen und Situationen, die so auftreten. Auch für meinen Mann, für die Entwicklung von uns als Paar und als Familie ist das absolut wesentlich! Die Arbeit, die die Hebammen des Geburtshauses leisten, die Erfahrung und das medizinische und menschliche Wissen, das sie mitbringen, sind von unschätzbarem Wert. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie das ohne Eva Lotte, Bettina, Pia und Chris abgelaufen wäre. Ich weiß, dass man sich von Dankbarkeit nichts kaufen kann, aber ich will es einmal festhalten: ich bin unendlich dankbar für eure Begleitung. Ich wünsche mir, dass die Wichtigkeit dieses Berufs endlich die Anerkennung und (finanzielle) Wertschätzung findet, die er verdient hat. Wer trägt schon mehr Verantwortung als diejenigen, die neues Leben begleiten und auf die Welt bringen? Ich wünsche mir außerdem, dass wir als Gesellschaft genau das in den Mittelpunkt allen Geschehens stellen: den Prozess des Entstehens von Leben, und die sensible und auf Selbstbestimmung ausgerichtete Begleitung von Mutter, Kind und Vater in dessen Verlauf. Alles andere, so erscheint es mir nun, verbleibt daneben doch ziemlich bedeutungslos. Mit so viel Einfühlungsvermögen über einen solch langen Zeitraum betreut zu werden, in einer Zeit, in der so vieles mit einem geschieht, körperlich, geistig, psychisch…das ist unbezahlbar…Ein Herzensanliegen meines Mannes und mir ist noch die Empfehlung der Bindungsanalyse und des Hypnobirthingkurses bei Bettina. Ganz toll!
Auch unendlich dankbar bin ich meinem Mann für unseren Weg, dass er mir Halt gibt und mich in allem, was ich brauche, unterstützt. Schließlich bin ich meinem kleinen Löwenmäuschen Lilith Kara unendlich dankbar für alles! Dass du zu uns gekommen bist, dass ich schon jetzt so viel durch dich lernen durfte…
Über die Göttin Lilith werden viele Geschichten erzählt. Die meisten stammen von alten weißen Männern, die Angst vor der freien, selbstbestimmten und wilden, unzähmbaren Natur der Frau hatten und sie deshalb hassten und bannen wollten. Wer weiß, was an diesen Geschichten am Ende wahr ist, vermutlich nicht viel. Das spielt aber auch keine Rolle. Für mich ist Lilith die Hüterin des Lebens, und die Göttin der Emanzipation und der Selbstbestimmung. Möge dein Name dir, kleines Löwenmäuschen, die Energie der weiblichen Urkraft mit auf deinen Lebensweg geben, und möge diese Energie dir zur Verfügung stehen, wann immer du sie brauchst. Möge dein Name an all die Frauen erinnern – indem er laut und endlos ihre Namen in die Welt schreit – deren Seelen nicht gehört und nicht gesehen wurden, deren Seelen gar misshandelt oder zum Schweigen gebracht wurden.
In einer Welt, die vergessen hat, oder die vielleicht noch nie wusste, was wesentlich und heilig ist, nämlich das Leben an sich, und dass das Leben nicht beherrschbar ist, dass es an sich immer gnadenvoll und gnadenlos zugleich ist, dass wir nichts wissen und beherrschen können, dass wir dem Werdegang des Lebens zugleich gnadenvoll und gnadenlos ausgeliefert sind, dass nur die Liebe wachsen kann aber nicht der Hass, dass nur das Vertrauen stärkt aber nicht die Angst, dass wir nur diesen einen Planeten, und nur einander haben, um der Wahrheit entgegen zu treten und sie zu bestehen, in einer solchen Welt möge dich die Göttin der Emanzipation und der Selbstbestimmung, die Hüterin allen Lebens, beschützen und begleiten. Möge ihre aus Liebe zum Leben geborene Wut und Rage auf alles und jeden, der es missachtet oder vernichtet, dir die Energie geben, zu bestehen, in welcher Hinsicht auch immer das auf deinem Lebensweg wichtig werden sollte. In unendlicher Liebe, deine Mama und dein Papa.