Eine schnelle, kraftvolle und friedliche Geburt – selbstbestimmt, getragen vom Vertrauen in
meinen Körper und von meinem Mann und mir als Team. Begleitet von unserer Hebamme Pia,
die mir genau die Ruhe und Sicherheit gab, die ich in diesem Moment brauchte.
Eigentlich sollte der Tag ganz anders verlaufen.
Am Nachmittag hatten wir einen Termin im Geburtshaus. Gemeinsam mit meiner Hebamme Pia wollten wir besprechen, wie es nun weitergehen sollte, nachdem unser Baby auch elf Tage nach dem errechneten Termin noch keine Anstalten gemacht hatte, auf die Welt zu kommen.
Die beiden Großen waren versorgt, und so legte ich mich am Vormittag noch einmal hin und schlief.
Gegen 11:50 Uhr wurde ich plötzlich von einer ziemlich starken Wehe geweckt. Im ersten Moment wusste ich überhaupt nicht, ob ich sie vielleicht nur geträumt hatte. Doch da war dieses Gefühl. Stark, periodenartig, im Unterleib, seitlich und bis in den Rücken hinein. Und vor allem: Es ging nicht richtig weg.
Das irritierte mich. Von meinen beiden anderen Geburten kannte ich es anders: Wehe. Pause. Wehe. Pause. Diesmal war von Anfang an eine unglaubliche Intensität da. Ich konnte überhaupt nicht einordnen, was gerade mit meinem Körper passierte. Waren das wirklich Wehen? Waren es Vorwehen? Bereitete sich mein Körper einfach auf die Geburt vor? Oder waren es irgendwelche anderen Krämpfe?
Ich ging zur Toilette und fand in meiner Unterhose ein großes Stück Schleimpfropf. Gleichzeitig bekam ich Durchfall.
Spätestens da wusste ich: Irgendetwas geht hier gerade los.
Trotzdem war ich verunsichert. Dieses starke, fast dauerhafte Schmerz- und Druckgefühl passte so gar nicht zu dem, was ich von meinen anderen Geburten kannte. Als es auf der Toilette noch intensiver wurde und ich mich auf den Boden setzen musste, um überhaupt damit umgehen zu können, wurde mir langsam klar:
Die Geburt geht los.
Ich schrieb meinem Mann, dass er bitte nach oben kommen sollte. Für ihn war ziemlich schnell klar, dass wir im Geburtshaus anrufen sollten. Ich dagegen wollte noch warten. Ich wusste ja selbst nicht einmal, was ich Pia erzählen sollte. Ich wollte erst verstehen, in welchen Abständen die Wehen kamen und wie intensiv sie wirklich waren.
Aber dafür blieb gar nicht viel Zeit.
Als ich schließlich Pia anrief, meinte sie ganz unkompliziert, wir sollten uns einfach direkt auf den Weg machen. Sie sei bereits im Geburtshaus.
Zum Glück waren die Kinder schon versorgt. Mein Mann packte noch schnell die letzten Kleinigkeiten ins Auto und kurz vor 13 Uhr fuhren wir los.
Im Auto setzte ich meine Kopfhörer auf und hörte Die Friedliche Geburt. Das hatte mir schon bei den anderen beiden Geburten während der Eröffnungsphase sehr geholfen.
Diesmal fühlte es sich allerdings anders an.
Die Wehen waren unglaublich intensiv, und selbst dazwischen blieb dieses starke Gefühl in meinem Körper – der Druck nach unten, das Ziehen im Unterleib und im Rücken. Ich fühlte mich von der Geschwindigkeit und der Kraft dieser Geburt ziemlich überrumpelt.
Also versuchte ich, nicht darüber nachzudenken, was noch kommen würde.
Nur diese eine Wehe.
Ich schaffe diese Wehe.
Und dann die nächste.
Ich versuchte, mich jeder einzelnen Wehe hinzugeben, statt gegen sie anzukämpfen. Anfangs atmete ich bei jeder Wehe bewusst langsam ein und versuchte damit, einen gewissen Gegendruck zu erzeugen. Irgendwann reichte das nicht mehr. Ich musste anfangen zu tönen und wechselte instinktiv meine Atmung.
Während der gesamten Fahrt hatte ich meine Augen geschlossen.
Ich war vollkommen in mir.
Im Nachhinein bin ich unglaublich froh darüber. Ich bekam überhaupt nicht mit, welchen Stress mein Mann währenddessen innerlich hatte. Ich nahm die Fahrt, die Straßen und alles um mich herum kaum wahr. Ich weiß nicht, ob ich mit dieser Kraft in meinem Körper genauso hätte umgehen können, wenn ich die Augen geöffnet und alles um mich herum wahrgenommen hätte.
Mein Mann dagegen wusste ziemlich genau, was gerade passierte. Er kennt mich aus zwei Geburten und wusste, wie ich mich in den verschiedenen Phasen anhöre. Noch zu Hause hatte ich die Wehen hauptsächlich veratmet. Etwa 15 Minuten nach unserer Abfahrt begann ich zu tönen. Und nach weiteren ungefähr 40 Minuten wurde dieses Tönen noch einmal deutlich intensiver.
Wie er mir später erzählte, hatte er während der Fahrt außerdem immer wieder auf die Uhr geschaut und die Abstände zwischen meinen Wehen beobachtet. Als wir losfuhren, lagen noch ungefähr sechs Minuten zwischen den Wehen. Doch ziemlich schnell wurden daraus nur noch etwa drei Minuten.
Als wir schließlich von der Autobahn abfuhren und noch ungefähr 15 Minuten Fahrt bis zum Geburtshaus vor uns hatten, waren für ihn eigentlich kaum noch richtige Pausen zwischen den Wehen erkennbar. Mir sagte er davon nichts. Er wollte mich nicht verunsichern.
Für ihn war deshalb irgendwann klar: Das Baby kommt bald.
Während der Fahrt beschrieb er mir immer wieder, wo wir gerade waren und wie lange es noch dauern würde: „Wir fahren jetzt auf die Autobahn.“ „Wir fahren jetzt von der Autobahn runter.“ „Es sind nur noch 15 Minuten.“ „Wir sind jetzt in Tübingen.“ „Es sind noch neun Minuten.“
Durch meine Kopfhörer hörte ich das alles nur irgendwo im Hintergrund. Und jedes Mal dachte ich mir eigentlich nur: Warum erzählt er mir das? Ich weiß doch, wie es nach Tübingen geht. Er braucht mir den Weg doch nicht zu beschreiben.
Erst am Abend erzählte er mir, was während dieser Autofahrt in ihm vorgegangen war. Er hatte die ganze Zeit Sorge gehabt, dass wir es nicht mehr rechtzeitig ins Geburtshaus schaffen würden. Und weil er davon ausging, dass es mir genauso ging, wollte er mir mit seinen kleinen Wegbeschreibungen Mut machen: Wir sind gleich da. Wir haben es bald geschafft.
Dabei hätte unsere Wahrnehmung dieser Fahrt kaum unterschiedlicher sein können. Während er innerlich die Minuten zählte, war ich so sehr in mir, dass die Fahrt für mich kaum eine Rolle spielte. Ich war einfach bei der nächsten Wehe. Als wir später darüber sprachen, mussten wir beide sehr darüber lachen.
Als er schließlich sagte: „Wir sind da“, öffnete ich nicht einmal die Augen. Ich blieb bei mir, die Kopfhörer noch immer auf den Ohren.
Ich nahm wahr, dass Pia zu mir ans Auto kam und sagte, ich solle mit ihr hineingehen.
Ich stand auf – und setzte mich wieder hin.
Der Druck war so extrem, dass ich in diesem Moment einfach nicht weitergehen konnte. Also veratmete ich die nächste Wehe noch einmal im Sitzen. Ich hörte nur Pia sagen, dass ich das gut mache.
Danach gingen wir gemeinsam hinein.
Mein Mann begann, das Bett zu beziehen. Mittlerweile brauchte ich ihn immer mehr bei mir. Ich wollte seine Hand. Ich wollte etwas, das ich drücken konnte. Und ich wollte, dass er meinen Rücken massierte.
Bei meinen beiden vorherigen Geburten hatte es mir unglaublich geholfen, wenn er sehr kräftig mein Kreuzbein massierte. Diesmal war selbst das anders: Der starke Druck war mir plötzlich viel zu viel.
Zufällig war noch eine zweite Hebamme, Catalina, im Geburtshaus. Sie kam dazu und half meinem Mann dabei, alles vorzubereiten. Ich bekam noch mit, wie Pia eine Wärmflasche füllte, die Vorhänge zugezogen wurden und das Kristalllicht angemacht wurde. Trotz der unglaublichen Intensität und obwohl alles so schnell ging, fühlte ich mich dort wohl und geborgen.
Ansonsten nahm ich nicht viel wahr. Ich versuchte weiter, in mir zu sein und mich auf meinen Körper zu konzentrieren.
Mein Mann war zu diesem Zeitpunkt bereits überzeugt davon, dass unser Baby unmittelbar vor der Geburt stand. Ich selbst war einfach nur überwältigt von der Intensität. Bis dahin hatte ich es geschafft, sehr bei mir zu bleiben. Doch dann kam dieser eine Moment, vielleicht nur ein oder zwei Minuten lang, in dem mich alles überrollte.
Ich saß auf dem Bett.
Eine Wehe kam.
Diese unglaubliche Kraft.
Und gleichzeitig wusste ich ganz deutlich: Diese Position geht nicht.
„Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich weiß nicht, wo ich mich festhalten soll“, sagte ich zu Pia.
Ihre Antwort war ganz einfach: „Geh in den Vierfüßler. Wie bei den anderen Geburten auch.“
Und genau davor hatte ich in diesem Moment Respekt.
Denn ich wusste, was diese Position für mich bedeutete.
Bei meinen anderen beiden Geburten hatte im Vierfüßlerstand die Austreibungsphase begonnen. Natürlich wollte ich, dass unser Baby endlich kommt. Und trotzdem merkte ich, wie ein Teil von mir sich genau vor diesem Moment drücken wollte. Ich wusste, welche Urkraft gleich über meinen Körper kommen würde. Ich wusste, was es bedeutet, wenn es jetzt wirklich losgeht.
Aber die andere Position funktionierte nicht mehr.
Also ging ich in den Vierfüßler.
Und dann begann die Austreibungsphase.
Es ist schwer zu beschreiben, was in diesem Moment im Körper passiert. Es ist eine unglaubliche Urkraft. Man entscheidet nicht mehr bewusst, dass man jetzt pressen möchte. Man muss eigentlich gar nichts tun.
Der Körper macht es einfach.
Ich tönte so, wie es sich für mich richtig anfühlte, und versuchte, diese Kraft zuzulassen.
Immer wieder hörte ich Pia sagen: „Langsam. Langsam.“
Ich sollte möglichst wenig aktiv mitschieben und unserem Baby Zeit geben, ganz langsam geboren zu werden.
Dann ermutigte Pia mich, selbst nach unten zu greifen. Der Kopf war bereits durchgetreten.
Ich legte meine Hand auf den Kopf meines Babys.
Und dieses Gefühl werde ich wahrscheinlich nie vergessen.
Mit meiner eigenen Hand konnte ich spüren, wie ihr Kopf geboren wurde. Gleichzeitig half es mir dabei zu fühlen, wie viel ich selbst mitschieben durfte.
Und mitten in dieser unglaublichen Situation hatte ich plötzlich einen ganz klaren Gedanken:
Es tut eigentlich überhaupt nicht weh.
Ich tönte laut. Für jemanden von außen klang es wahrscheinlich nach Schreien. In meinem Körper war eine Kraft, die kaum zu beschreiben ist. Aber ich empfand keinen wirklichen Schmerz.
Ich dachte nur: Wie verrückt ist das eigentlich? Hier wird gerade der Kopf meines Kindes geboren – und es tut nicht weh. Was kann dieser Körper eigentlich alles?
Für ein paar Sekunden musste ich sogar daran denken, wie unglaublich stark die Hormone während einer Geburt sein müssen.
Und ich war einfach dankbar.
Dankbar, dass ich diesen Moment erleben durfte. Dass ich hier im Geburtshaus sein durfte. Dass ich selbst den Kopf meines Babys in meiner Hand halten konnte.
Dann kam die nächste Wehe. Und mit ihr wurde ihr Körper geboren.
Noch einmal diese unglaubliche, kaum zu beschreibende Kraft. Fast noch intensiver als die Geburt des Kopfes. Währenddessen drückte ich die Hand meines Mannes.
Und plötzlich war es vorbei.
Da lag sie.
Auf der Matte direkt unter mir.
Unser Baby.
Fit. Wach. Da.
Auf diesen Moment hatte ich mich während der gesamten Schwangerschaft gefreut. Ich hatte ihn mir so oft vorgestellt – gerade weil diese Schwangerschaft für mich nicht immer leicht gewesen war.
Ich hatte mir vorgestellt, wie ich mein Baby sofort hochnehmen würde. Wie ich es küssen würde. Wie ich weinen würde. Wie mich dieses überwältigende Glücksgefühl treffen würde.
Aber als sie tatsächlich vor mir lag, war alles ganz anders.
Ich sah sie an.
Und ich war einfach nur völlig überrumpelt.
Ich glaube, ich sagte sogar mehrmals, dass ich gerade komplett überfordert sei.
Mein Mann erzählte mir später, dass dieser Moment nur ganz kurz dauerte. Dass ich sie eigentlich sofort zu mir genommen hatte. Für mich fühlte es sich an, als hätte sie eine Stunde dort gelegen. Als müsste mein Kopf erst einmal begreifen, was mein Körper gerade innerhalb kürzester Zeit geleistet hatte.
Dann nahm ich sie hoch.
Pia wickelte sie in ein Handtuch, und wir blieben zu dritt auf dieser Matte sitzen.
Mein Mann, unser Baby und ich.
Völlig überwältigt von dem, was gerade passiert war.
Und da war sie nun. Unsere kleine Nele.
Um 14:14 Uhr, gerade einmal 15 Minuten nach unserer Ankunft im Geburtshaus, war sie auf der Welt.
Nach gut zwei Stunden war sie geboren.
Und ausgerechnet in genau dem Zimmer, in dem auch schon ihre beiden Geschwister geboren worden waren.